schwimmt Neptun ?
Ausstellung im Neptunbad Köln-Ehrenfeld vom 25.11.1995 bis 3.12.1995
Nicht immer ist objekt- oder projektbezogene Kunst so Konzentriert formal und inhaltlich auf das Wesendliche bezogen. Marion Menzel und Philipp J. Bösel verlieren sich nicht in den vielen architektonisch äußerst reizvollen Bereichen des Gebäudes. Ihre Installationen sind in klarer Akzentuierung auf die Schwimmhalle und die diese zweigeschossig umlaufenden Kabinen reduziert, die durch halbrundbogige Fenster belichtet werden.
Das 1912 vom königlichen Baurat Josef Kleefisch errichtete Jugendstilbad leitete mit dem 1885 gebauten, im 2. Weltkrieg zerstörten Hohenstaufenbad eine völlig neue Epoche Kölns ein: In Tradition der römischen Thermen bot die Stadt ihren Bürgern, die bislang ausschließlich die Rheinbadeanstalten zur Verfügung hatten, nunmehr einen Ort der Körperhygiene. Die Schwimmhalle, das römisch-irische Bad, Schwitz-, Dampfbad, Duschkabinen, Wannenstation, eine eigene Brunnenanlage wurden später durch eine Gaststätte, eine Wäscherei und ein Friseurgeschäft ergänzt. Dieses Bad ist das einzige in Köln, das heute noch innen und außen in seiner herkömmlichen Form erhalten ist. Neben dem besonders ausgestalteten Umkleideraum des Schwitzbades, dem Lichthof und den originalen Wandkacheln sind (in dem, in den siebziger Jahren unter Denkmalschutz gestellten Gebäude) die echten Holz-, Ornament - und Stuckelemente sehenswert. Seit geraumer Zeit ist noch das Schwitz- und Dampfbad öffentlich zugängig; trotz Einstellung des Schwimmbetriebes besteht aus konservatorischen Gründen ständige Betriebsbereitschaft. Die Zukunft des Jugendstilbades ist, auch nach der für ein Jahr geltenden Anmietung des WDR als Innenkulisse für eine Show, sehr ungewiß.
Die Auseinandersetzung mit der Problematik der (Nicht-) Erhaltung dieses besonderen, einzigartig vielfältigen Gebäudes prägt dementsprechend die etwa einjährige Arbeitsphase der Künstler. Die Bevölkerung hat anläßlich der Ausstellung die vorerst letzte Möglichkeit, das Neptunbad zu besichtigen.
Nach Durchschreiten des Portals, Passieren der "Kartenkontrolle" und der Flügeltüre steht man in feuchtwarmer Luft am Rande des Schwimmbeckens direkt vor der Rettungsring-Installation von Marion Menzel. Vier verschieden große "Rettungsringe", analog zu Altersphasen, liegen griffbereit am Beckenrand. Doch, die normalerweise glatte Oberfläche fehlt. Eine stachelartig rauhe Kruste wehrt den Körper ab, könnte bei Benutzung verletzen. Versuchte man dennoch einen Ring zu heben, wäre man vom enormen Gewicht überrascht. Diese "Rettungsringe" sind schwer, würden nicht retten, sondern im Wasser untergehen. Das Absurde der Gesamtsituation des Gebäudes wird hier, im formalen Spannungsfeld des eckigen Beckens zu den runden Ringen, der glatten, weichen Epidermis des Wassers zu den uneben, harten Objekten, trotz ästhetischer Raumkomposition sehr deutlich.
Den Schwebezustand der ungeklärten Zukunft des Bades symbolisiert ein riesiger Stein den Philipp J. Bösel auf das Deckengewölbe über dem Wasser projiziert. Wird diese Metapher des Aufbaus, der Zerstörung (Bedrohung) Stein des Anstoßes?
Der Blick schweift über die ruhige Wasseroberfläche an den Holzkabinen vorbei ans andere Ende des Schwimmbeckens: Aus den beiden großen, zum Wasser hin offenen Duschräumen links und rechts der zentralen, nach oben führenden Treppe, quellen, analog zu Ringen, kugelige, faustgroße Objekte der gleichen Oberflächenstruktur. Auf jeder Seite sind viele davon zu einer kegelartigen, termitenbauähnlichen Hügelform verdichtet; die meisten scheinen, einer Seeigelinvasion gleich, aus dem Wasser oder in dieses zurück zu streben. Die Kugelobjekte, deren krause Schale aus schwarz imprägnierten, groben Teeblättern besteht (charakteristisch für dreidimensionale Objekte der Künstlerin), greifen die Vielteiligkeit der waabenartigen Kachelformen auf; einige befinden sich ganz nah am Wasser auf den Stufen, die in dieses hinein bzw. hinausführen.
Am Ende der auf die obere Ebene führenden Treppe stoßen wir in einer Videoinstallation von Philipp J. Bösel wieder auf den Stein, schwebend, sich jetzt drehend - Wolken ziehen vorbei, es wird Nacht, Tag, wieder Nacht... Alle Duschkabinen außer einer sind geöffnet: In jeder davon bewegt sich jeweils ein an Schnüren gehängtes Foto des aus unterschiedlichen Perspektiven gesehenen Steins. Die einzige (safe- oder gefängnisartig) geschlossene Kabine beherbergt den echten Stein. Er ist nur durch das Holzgitterfenster in der Tür zu sehen.
Der stillen, starken Kunst angemessen, waren zur Vernissage zwei eigens für dieses Projekt komponierte Werke zu hören. Analog zur Gesamtkonzeption stand Timothy Jones senkrecht und sicher mit seiner Violine über dem ruhigen Wasser (auf dem Eckbereich vorne links befindlichen Sprungbrett) und spielte virtuos die Eigenkomposition "Piece for Maron" und "Nine Fine Lines" von Jhn McAlpine.
Es ist zu wünschen, daß die Künstler, mit ihrem Engagement die Anliegen der Bürger transportierend, einen Stein ins Rollen bringen können, der sich zum Eckstein entwickeln könnte und zu hoffen, daß die ins Schwimmen geratenen kommunalen Finanzen einen helfenden Rettungsring für dieses außerordentliche Gebäude finden werden, um nicht wieder gut zu machende Schäden für die Zukunft zu verhindern.
©1996 Franz Bodo Gerono